Das Gebell der Hasen
VON FRANK NÄGELE, 02.08.05, 22:34h
Alle suchen nach einem Weg, die Münchner zu stoppen, und die Einzigen, die das kalt lässt, sind die Münchner selbst.
Köln - Im Volkssport der Deutschen beginnt jeden Sommer ein Ritual, das an eine Treibjagd erinnert. Allerdings an eine recht seltsame. Wenn die Meute der ambitionierten Fußball-Klubs hinter dem FC Bayern München herhetzt, mutet das an, als wollten die Hasen den Hund zur Strecke bringen. Ihr Versuch, dabei zu bellen, ist sehr mutig, aber wem sie damit Angst machen wollen, ist unklar. Nach einem für ihn ganz passablen Double - Gewinn von Meisterschaft und DFB-Pokal - schielt der Rekordverein diesmal eher in Richtung Champions
League. Die Souveränität geht so weit, dass man sogar der Konkurrenz nur das Beste wünscht. Manager Uli Hoeneß hätte sich ausdrücklich „gefreut“, wenn Vizemeister FC Schalke 04 es geschafft hätte, den Tschechen Milan Baros zu verpflichten, „denn wir brauchen starke Gegner“.
BUNDESLIGA
Vor dem Start
Das sind schlechte Nachrichten für die anderen. Drei Vereine immerhin dürfen als halbwegs Ernst zu nehmende Herausforderer gelten: Der FC Schalke 04, Werder Bremen und der VfB Stuttgart. Und was machen sie? Massakrieren sich untereinander. Also eigentlich sind es die Schalker, die den Mitjägern das Fleisch aus den Lenden reißen. In diesem Sommer haben sie die Nationalspieler Kevin Kuranyi (kam für 6,9 Millionen Euro aus Stuttgart) und Fabian Ernst (ablösefrei aus Bremen) verpflichtet, im Jahr davor Ailton (inzwischen zu Besiktas Istanbul geflüchtet) und Mladen Kristajic (beide Bremen) sowie den überragenden Abwehrchef Marcelo Bordon (VfB Stuttgart). Immerhin hat man jetzt den Dänen Sören Larsen nach langem Kampf vom schwedischen Verein Djurgardens IF geholt, außerdem den begabten Bosnier Zlatan Bajramovic aus Freiburg. Nur mit Baros, das hat leider nicht geklappt. Trainer Ralf Rangnick sagt einen uralten Spruch auf: „Die Bayern müssen Meister werden, wir nicht.“ Und das ist genau falsch. Denn die Bayern wissen, dass sie auch in den nächsten zehn Jahren zwischen vier- und sechsmal oben stehen werden. Müssen müssen vielmehr irgendwann die Schalker, die auf Jahrzehnte hinaus alles verpfändet haben für diesen massiv ersehnten Titel, den sie 2001 schon mal knapp drei Minuten feierten.

Sucht Konkurrenz: Michael Ballack
Ganz neu in der Riege der Aufrüster ist der VfB Stuttgart mit seinem forschen Präsidenten Erwin Staudt, der es geschafft hat, vom IBM-Chef Deutschland und Europa zum Präsidenten des schwäbischen Fußballstolzes aufzusteigen. Weil ihm dieser Karrieresprung nicht genügte, hat der Ehrgeizige das hoffnungsvollste Profi-Gebilde im gesamten deutschen Fußball zerschlagen, neben Bordon und Kuranyi auch Alexander Hleb (für 15 Millionen zum FC Arsenal) verloren, dazu Philipp Lahm (kehrt zurück zum FC Bayern) und Imre Szabics, der zum 1. FC Köln wechselte. Und weil Geld im Fußball nie alt werden darf, haben sie es schnell in das dänische Duo Jon Dahl Tomasson (AC Mailand) / Jesper Grönkjaer (Atletico Madrid) investiert, das für rund zehn Millionen Euro kam, sowie in den Leverkusener Daniel Bierofka
(500 000 Euro). Und über allem gestikuliert, feixt und lacht Trainer Giovanni Trapattoni (66), dem Assistent Andreas Brehme ein wenig beim Übersetzen behilflich ist.
Den einzig entspannten Eindruck machen die Bremer, und das liegt nicht nur an der fantastischen Saison 2003 / 2004, als sie eine Münchner Atempause dazu nutzten, Meister und Pokalsieger zu werden. Beim SV Werder treffen sich in der Person des Managers Klaus Allofs Geschäftsintelligenz, Fußballdurchblick und ganz allgemeine Vernunft. Mit großem Kalkül handelte er mit dem FC Bayern ein Tauschgeschäft aus, das im Tausch für Verteidiger Valerien Ismael immerhin Nationalspieler Torsten Frings plus drei Millionen Euro einbrachte. Außerdem verpflichtete man ohne Geschrei eine Abwehr - den Brasilianer Naldo, den Dänen Andreasen, den Belgier van Demme, den Deutschen Owomoyela. Und das alles für weniger als zehn Millionen Euro. „Die Bremer machen das gut“, sagt Uli Hoeneß lieb gen Norden.
Die Bayern-Jagd hat wieder begonnen. Und die Einzigen, die sich dafür gar nicht so recht zu interessieren scheinen, sind die Bayern selbst, denn die kümmern sich um wichtigere Dinge wie die Vertragssache Michael Ballack (siehe Meldung).
(KStA)